Zwetschgenkuchen aus dem Jahre 1907

Ein verschlissener Einband, bröselnde Seiten, die herausfallen. Zurück ins Jahr 1907 – das Bürgertum orientiert sich am Adel, die Rolle der Frauen gewinnt an Bedeutung. Die Frau als Hausfrau und Mutter – ein „Praktisches Kochbuch“ muss her! So sammelt Henriette Davidis in dieser Ausgabe ca. 750 Rezepte und Küchentipps für die moderne Frau.

Die Oma meiner Oma – also meine Ururgroßmutter – kauft dieses Buch. Vielleicht bekommt sie es auch geschenkt, man weiß es nicht mehr. Das Buch wird viel genutzt und meine Uroma bekommt es später. Generation um Generation wird es weitergegeben, bis zu meiner Mutter.

Neulich bin ich bei meinen Verwandten in Berlin. Meine Cousine V. und ich machen uns einen gemütlichen Abend mit einem Film: „Julie & Julia“. Wer diesen Film kennt, weiß, auf was ich jetzt hinauswill. Die junge Julie kocht in 365 Tagen 524 Rezepte aus einem alten Kochbuch – genauer gesagt aus dem Kochbuch der Julia, die ca. 50 Jahre zuvor ein Buch mit französischen Rezepten für amerikanische Hausfrauen geschrieben hat. Julie fängt an, über die Herausforderung einen Blog zu schreiben. (mehr auf wikipedia: Klick)

Bei dem Besuch bei unseren Großeltern kommen wir auf den Film zu sprechen. Ich erzähle begeistert von Julies Vorhaben – meine Oma meint daraufhin: „Deine Mutter hat auch noch ein altes Kochbuch!“.

Und so komme ich nun zu Henriette Davidis „Praktisches Kochbuch“. Darin finden sich Speisen und Zutaten, die ich erst einmal googlen muss, um zu wissen, von welchen Dingen hier die Rede ist. Bei manchen frage ich auch meine Mutter. Deren Augen beginnen zu leuchten, als sie mir von Roter Grütze mit Sago erzählt. Kennt ihr Sago?? Ich kannte es jedenfalls nicht. Wabbelige Tapioka-Perlen gehören zum Beispiel dazu.

Viele solcher Rezepte sind heutzutage fast verloren gegangen. Wer macht denn bitteschön noch Biersuppe oder Farcen? Habt ihr erst gestern eine Kaltschale gegessen? Und backt ihr Kuchen auch oft mit 20 Eiern? Ich glaube, ihr versteht was ich meine. Aber wer sagt denn, dass das nicht schmeckt?

Wer sich jetzt nicht nur mit dem langen Text befasst hat, hat bestimmt mitbekommen, was auf den Bildern zu sehen ist. Zwetschgenkuchen! Frau Davidis empfiehlt einen Hefeteig. Gebacken wird natürlich nur mit Butter – „You can never have too much butter.“

Ein Rezept mit Backzeit oder genaueren Angaben gibt es bei Henriette natürlich nicht. Elektroherde gab es nicht, wer stoppt da denn bitte die Zeit?

Zwetschgenkuchen alá Henriette Davidis (für ein Blech)
* 500g Mehl
* 1 Pck. frische Hefe (42g)
* 225g Butter (175+50)
* 125ml lauwarme Milch
* 2 Eier
* 1 gehäufter EL Zucker
* 1kg Zwetschgen
* Zimt & Zucker (ca. 75g)

 

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1. Die Hälfte des Mehls in einer Schüssel abwiegen und eine Mulde formen. Dort hinein nun eine Mischung aus der warmen Milch und der Hefe geben und – wie Henriette sagt – ein Hebstück ansetzen. 
2. „Nachdem es gut aufgegangen ist (auf das Doppelte, also ca. 30min bei 80°C Umluft), arbeitet man das übrige Mehl, sowie die anderen Zutaten (Eier, 175g Butter, 1 EL Zucker) hinzu, schlägt den Teig (30min mit dem Löffel mit dem Mixer), …“. Die übrige Butter (50g) wird nun geschmolzen und damit das Blech eingepinselt. Den Teig kann man nun ausrollen (oder auf das Blech drücken) und dann sollte er nocheinmal aufgehen – am Besten 20min im warmen Ofen.

3. In der Zwischenzeit kann man die Zwetschgen nun waschen, entkernen und halbieren. Frau Davidis: „Es ist für das Geraten des Kuches besser, wenn man das Obst, ehe man es auf den Kuchen legt, anwärmt.“(Mikrowelle juhu!). Der fluffigen Hefeteig wird nun auch mit Butter eingestrichen und die Früchte darauf verteilt. Den Butterrest verteilt man jetzt auf den Zwetschgen, die man danach „dick mit Zucker & Zimt bestreut.“. Der Kuchen entfaltet jetzt nocheinmal für 20min seine Größe, danach wird der Ofen aber auf 160°C Umluft erhitzt. Der Obstkuchen ist nach 45min leicht goldbraun und immer noch saftig. 

 Hast du auch noch ein Rezept von deiner Großmutter?

Oder ein längst vergessenes Familienrezept?

Dann schicke mir jetzt den Link zu deinem Post und ein Bild der berüchtigten Speise. Du hast bis Ende Oktober Zeit (verlängert auf den 28.März) – ich hoffe doch, Zeit genug! 🙂 Die besten Rezepte werden von mir vorgestellt. Also rauf auf den Dachboden oder ab zur Oma!

Genauso wie euch habe ich auch meine Lieblings-Food-Blogger gefragt – ich hoffe, auch von ihnen machen einige mit. Du hast auch noch ein altes Kochbuch mit tollen Rezepten? Je mehr mitmachen, umso schöner wird das ganze!

Sende mir bitte dein Foto und deinen Rezept-Link an   f_a_i_b_l_e@hotmail.de   mit dem Stichwort Rezepte aus Großmutters Zeiten. 

More about Antonia

BWL-Studentin aus Nürnberg, die gerne in der Küche werkelt, auf Reisen geht und Rechenaufgaben löst. Wenn sie nicht gerade die Welt entdeckt, ist sie auf dem Rennrad, im Wasser oder in den Laufschuhen zu finden. Außerdem hat sie ein Faible für Schokolade, schöne Fotos und chices Interior und ist steht's am Basteln.

14 Comments

    1. Den Film kenne ich natürlich, wenn auch erst seit kurzem. Fand ihn echt toll!Deine Aktion und die Idee Rezepte aus alten Kochbüchern nachzukochen finde ich ebenfalls gut. Danke das du mich eingeladen hast mitzumachen. Ich weiß allerdings noch nicht so ganz wo bzw wie ich an so ein Buch komme.Mal sehen, vielleicht kann mir meine Schwiegermama in spe da weierhelfen.
      Dein Zwetschgenkuchen sieht verführerisch aus!Ahh ich habe Hunger!;)
      Liebst,Sarah

    1. Der Film hat mir damals leider gar nicht gefallen, zog sich viel zu sehr hin und hatte dann ein recht unbefriedigendes Ende…
      Deine Aktion find ich aber super!

    1. Oh wie schön nostalgisch!
      Kochst Du jetzt auch alle Rezepte von vorne nach hinten durch? Das nenne ich dann Übersprungshandlung (statt fürs Abi zu lernen *ggg*)

      Die Rezepte von früher haben was. Ich finde vor allem toll, daß immer saisonal gekocht wurde.

      Liebe Grüße
      Suse

    1. Was für eine tolle Idee! Ich habe vor rund 1 1/2 Jahren auch ein altes Kochbuch bei meiner Oma gefunden. Es gehörte zuerst meiner Mutter und dann meiner Tante. Es war ein Schulkochbuch aus den 70ern und wurde von meiner Oma immer noch hin und wieder benutzt. Daher konnte ich es auch nicht haben und ich habe einfach alles, das mich interessiert hat, abfotografiert. Wenn sie es nicht mehr braucht, bekomme ich es. 🙂

    1. Danke, deine Idee klingt auch sehr gut (und lecker) :), wenn der Zwetschgenkuchen genauso gut schmeckt wie er aussieht, reserviere ich mir schon mal die Hälfte, wenn du ihn das nächste Mal machst, okay? 😉 Meine Mail kommt gleich (endlich) 😉
      Lg Ronja

    1. Das sieht aber deliziös aus! Die Idee finde ich richtig gut, ich habe letztens auch Zwetschkenkuchen gebacken, allerdings keinen alten klassiker. Sieht aber frisch und fruchtig aus 🙂
      GLG
      Charlotte

    1. Liebste Toni, du hast mich soeben auf eine fabelhafte Idee gebracht!
      Ja, ich habe den Film gesehen und ich habe mir deshalb sogar zu Weihnachten im letzten Jahr das Kochbuch von Julia Child gewünscht. Bisher habe ich davon aber leider noch nichts nachgebacken… Könnte daran liegen, dass es auf Englisch ist…

      Jedenfalls habe ich auch noch mehrere alte Backbücher von meiner Oma und letztes Jahr sogar das Rezeptbuch von meiner … ähm… Großtante oder so… „übersetzt“, da ihre Handschrift wirklich schwer zu entziffern war. Zu Weihnachten haben dann alle in der Familie das übersetzte Buch in Print- und Digitalform von mir bekommen und sich riesig gefreut!

      Um jetzt noch auf meine Idee zu sprechen zu kommen: Ich könnte damit eine neue Post-Reihe eröffnen, in der ich ab und zu etwas aus diesem Rezeptbch ausprobiere. Klingt erstmal gut, oder? Aber ich kenne mich und wenn ich nicht bald damit anfange, werde ich es nie tun…
      Mal sehen, ob ich mich aufrappeln kann, dein Post und mein Kommentar sind schon mal eine prima Motivation!

      Liebe Grüße
      Lulu

    1. Das ist echt ziemlich spannend 🙂 Ich mag die Idee sehr, alte Rezepte wieder auszugraben. Mir ist das aufgefallen, als ich in Peru war. Dort gibt es viele verschiedene Getreide-, Gemüse oder Knollensorten und dazugehörige Rezepte, die kaum noch verwendet werden, weil sie aus den Anden stammen und ihnen irgendwie etwas „Rückständiges“ und Armes anhaftet. Inzwischen gibts aber viele auch sehr bekannte Köche, die diese alten Rezepte und Lebensmittel wiederentdecken und sie in moderne Gerichte integrieren, um eine tolle neue Mischung zu erzeugen 🙂 Oft sind die alten, schon in Vergessenheit geratenen Sachen auch sehr gesund.

    1. Halli Hallo!
      sehr spannend gewesen zu lesen. Mein Grossvater ist 1907 geboren, leider schon einige Zeit nicht mehr unter uns. Dieses Kochbuch ist ein kleiner Schatz!
      Liebe Grüsse, Manuela

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